so, damit alle nicht studenten hier mal wissen wie anstrengend studieren is

9 to 5
Aufwachen. Krasser Krampf. Wecker geht zehn Minuten vor, also keine Panik so früh am morgen. Könnten auch nur fünf Minuten gewesen sein. War heute die Sprechstunde oder am Donnerstag? Hätte man auch gestern Abend noch gucken können. Immerhin noch am Abend noch geduscht, da lässt es sich noch ein Viertelstündchen länger liegen bleiben. Im Halbschlaf davon träumen, wie man aufsteht, packt, frühstückt, Übungsblätter ausdruckt, Zähne putzt und Haare macht, gibt einem ein sehr beruhigendes Gefühl. Leider ist aus der Viertelstunde relativ schnell eine halbe geworden und jetzt wird die Zeit etwas knapp. Missmutig muss man feststellen, dass man immer noch im Bett liegt und noch nichts von alledem gemacht hat. Aufstehen lässt sich kaum wegrationalisieren. Packen lässt sich mit Frühstücken kombinieren und kann auf Schreibblock und Bleistift reduziert werden. Haare haben Priorität und müssen wach und mit aller Sorgfalt angegangen werden. Damit sind die Zeitreserven wohl etwas unglücklich kalkuliert worden. Auf dem Weg zur Bahn wieder dieser verdammte Marxisten Partei Heini mit seinen Flugblättern. Um Himmelswillen du bist arbeitslos Junge. Schlaf doch mal aus. Die arbeitende Bevölkerung hat sich in ihrer Gänze natürlich in dem Bahnabteil versammelt, in das man samt Fahrrad noch hinein möchte. Tschuldigung, Tschuldigung, Darf ich mal?, Ich müsste da noch hi.., Ja das ist ein Fahrradabteil. Noch unentschieden, ob heute ein Pöbeltag ist. Ah, endlich. Die Akkordeon Mafia. „AIIII esta la musica del buenos nochos amigos. Vamos“ Tröt, klimper, nerv. Wo sind eigentlich die coolen S-Bahnmusiker hin, mit Geige, Trompete und Kontrabass? Die würden die Stimmung etwas heben. Kaffee. Natürlich. Das hätte man nicht dem Zeitdruck opfern dürfen. Gibt ja in der Uni so etwas Ähnliches wie Kaffee in der Caféteria. Hallo. Da sitzt ja eine richtig scharfe Studentin am Fenster. Bestimmt HU Germanistengroupie. Handy klingelt. „MOINSEN DU FLITZPIEPE“ Ja doch, lauter du Proll. Ist das primitiv. Aber sie guckt. Nettes Gesicht. Um zehn in der Caféteria treffen, naja passt doch. Kommen eh alle zu spät zur Vorlesung.
-Hi.
Öhm ja, sollte man sich kennen?
-Moin.
-Hast du deine Laborprotokolle schon fertig gemacht?
Richtig. Kommilitone Baustoffkunde aus der Laborübungsgruppe. Name unbekannt. Habe das Gefühl, er erwartet, dass ich ihn kenne. Lust über Uni zu reden hält sich allerdings in Grenzen.
-Jo, die ersten beiden, aber keinen Schimmer, ob ich das Richtige gerechnet habe, oder meine Betonfestigkeit der von Butter entspricht.
Scherze sind gut, das gibt Zeit zum Nachdenken. Carsten? Clemens?
Irgendwas mit C.
- Anna und ich wollten uns nächste Woche mal treffen, um die durchzugehn.
An Anna kann ich mich gut erinnern.
- Ja, lass das doch machen. Hab aber nur am Mittwoch Zeit.
- Dann ruf ich Anna an und sag ihr Bescheid.
Wieso hat der ihre Nummer und ich nicht? Feistes Wiesel. Wenigstens ist die Bahn leerer geworden. Hinsetzen hat jetzt aber auch keinen Sinn mehr. Aussteigen und mit Schmackes die Treppen mit dem Fahrrad runter. Hat bestimmt die eine oder andere Studentin gesehn. Hoffe ich. Ist schließlich nicht billig, sich das Tretlager zu ruinieren. Wie immer Erster in der Caféteria. Es gibt wahrscheinlich mehrere Dimensionen von pünktlich und die korrelieren selten. Hauptsache Kaffee. Argwöhnische Blicke wegen der zwei Esslöffel Zucker. Die Milch riecht etwas merkwürdig. Ein Hauch von sauer. Das akademische Viertel ist jetzt arg strapaziert. Zehn Uhr zwanzig ist nach Adam Riese eigentlich schon eher das akademische Drittel. Beim Schlendern in den Vorlesungssaal noch kurz über die Qualitäten einer offenen Beziehung diskutiert. Oder die Nachteile einer festen. Es fällt schwer, in der Vorlesung wach zu bleiben. Da hilft nur in die Caféteria gehen. Zum Glück sind Sessel und Couch frei. Endlich wieder Kaffee und ein Drittel des Tages geschafft. Zur nächsten Übung müsste ich pünktlich kommen. Wenigstens ist die mal interessant. Leider rächt sich jetzt das morgendliche Rationalisierungsprogramm, und alle Tafelbilder müssen komplett abgeschrieben werden. Der Typ in der zweiten Reihe nervt. Macht mich krass aggressiv, wenn einer so aufmerksam den Professor ansieht und alle Bemerkungen mitschreibt. Wenn ich nur wüsste, wann die Klausur nochmal war. Wieviel von den Leuten im Saal hab ich eigentlich schon im letzten Semester hier gesehen? Durchschnittliche Studiendauer eines WiIng für Bau vierzehn Semester. Naja, dürfte für einige hier knapp werden. Inklusive mir. Oh, der Professor hat inzwischen die Tafel gewischt. Schlecht. Hoffentlich steht das auch so im Skript. Oder ich geh zur Sprechstunde. Schön, wenn man noch solche Illusionen von der eigenen Leistungsbereitschaft haben kann. Konzentration. Blick zur Uhr. Nur noch eine Viertelstunde. Jetzt lohnt es sich eigentlich auch nicht mehr. Die Zeit kann man auch sinnvoller nutzen und seinen Nickname auf den Tisch malen. Let’s see how unproductive we can be. Jack Johnson versteht mich. Oder war es how reproductive we can be? Das wäre ja ein viel besserer Text. Beifälliges Tischklopfen für den Prof. Sachen sind natürlich längst gepackt. Das Prüfungsamt macht in einer Stunde auf, also muss ich mich beeilen, damit ich noch reinkomme, bevor es in zwei Stunden wieder zumacht. Im Gang warten schon alle BWL Studenten. Lange Gesichter, verschwitzte Hemden, weggeworfene Anmeldebestätigungen, Chinesen, die die Prüfungsordnung nicht verstehen, aber sich noch für 20 Prüfungen anmelden müssen. Junge Studentinnen mit Tieren, Babys, beidem. „Ersties“ mit gequältem Blick zur Uhr. Gehetzte Tutoren auf der Suche nach Leuten mit drei Nummern vor ihrer. Das gleichmäßige Geräusch der Gespräche von Leuten, die sich seit zwei Jahren nur von diesem Gang hier kennen und über das letzte halbe Jahr alle News austauschen müssen. Käme einem surreal vor, wenn man nicht schon vier Semester dasselbe gesehen hätte. Endlich am Schalter für die Nummernzettel. Tief durchatmen. Das wird nicht schön. 1189. Hätte schlimmer kommen können. Das müsste bis zum Ende der letzten Vorlesung gehen. Ich wate noch durch grüne Tee und Apfel Camps bis zum Regal mit den Anmeldungen und wunder mich eigentlich, warum es hier weder Lagerfeuer noch Gitarre gibt. Zur letzten Vorlesung werde ich dann wohl doch noch gehen, sonst hätte der Zettel ja wenig Sinn. Hätte ich doch jetzt nur meinen Laptop mit. Dann könnte ich etwas Sinnvolles machen, wie Worms spielen. Dann versuch ich eben, unsere Wakeskate Form zeichnerisch zu optimieren. Oder ich mal Kästchen aus. Nein alles zu langweilig. Ich schreibe doch lieber einfach auf, was die wissenschaftliche Mitarbeiterin an die Tafel bringt. Vielleicht werfe ich in der Klausurvorbereitung tatsächlich noch einen Blick darauf. Dröges Abschreiben hat den Vorteil, dass sich mein Geist ganz auf die Resttagesplanung konzentrieren kann. An sich wäre es langsam Zeit, entweder für die Klausuren zu lernen oder wenigstens mit der Faktensuche für die Seminararbeit zu beginnen. Da muss einem doch etwas Wichtigeres einfallen. Vielleicht dauert die Prüfungsanmeldung ja so lange, dass es sich dann nicht mehr lohnt. Im Gang sind immer noch mindestens einhundert Leute, aber ich denke ich muss nur noch zehn Minuten warten. Zuhause erst einmal Küche sauber machen. Mit gutem Gewissen darf man sich noch Essen machen. Studentenspecial Pasta Bolognese oder doch eher was Aufwendigeres? Schwere Entscheidung. Letztendlich aber zugunsten des etwas Aufwendigerem, ich habe ja Zeit. Zimmer aufräumen. Standard. Die Wohnungen von Studenten sind niemals so sauber und aufgeräumt, wie wenn sie Klausuren schreiben. Immer wieder bewiesen. E-Mails nachsehen, könnte ja wichtig sein. Keine einzige. Verdammt. Langsam wandert der Blick zur Seminararbeit. Zum Glück klingelt das Telefon.
-Billard spielen und dann Filmchen gucken?
-Jaaa, keine Ahnung, hab kein Geld und muss Seminararbeit machen.
-Hahaha.
Irgendwie muss ich nicht allzu überzeugend geklungen haben.
-Ja okay dann in ner halben Stunde.
Seminararbeit muss wohl noch warten. Gegen das unangenehme schlechte Gewissen kommt der Statistikordner in die Tasche. Nicht, dass ich in der S-Bahn wirklich lernen würde, aber ich habe es versucht. Beim Weg zum Bahnhof fällt mir auf, dass schon wieder Mittwoch ist. Das Wochenende, an dem ich mich für die Uni hinsetzen wollte, ist also schon seit 3 Tagen vorbei. Was hab ich da nochmal gemacht? Ich weiß, was ich nicht gemacht habe. Die Zeit wird doch etwas knapp für alle Klausuren. Morgen fang ich an. Gleich nach dem Fußballspiel.
das is natuerlich alles etwas her inzwischen hab ich ne freundin und nehme das studium ernst
